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Die Bücher meines Sommers

Immer wenn Katharina und ich darüber gesprochen haben, dass wir eigentlich gerne bloggen würden, haben wir auch immer gesagt, dass wir gerne eine Rubrik zum Thema „Lesen“ hätten. Und als wir den Blog angelegt haben, gab es auch diese Rubrik.

Nur haben wir sie nie mit Leben gefüllt, weil wir uns beide nicht trauen, eine Rezension zu schreiben. Allein das Wort hört sich ja auch schon wichtig an. Im Rahmen von Fees Blogaktion #FürmehrersteMale, in der es darum geht, etwas zum ersten Mal zu machen, möchte ich euch erzählen, welche Bücher ich diesen Sommer mit in den Urlaub nehmen würde – wenn ich sie nicht schon gelesen hätte. Vielleicht ist ja etwas für euch dabei.

 

Dieser Roman ist nichts für Kurzstreckenleser, denn mit 750 Seiten gehört das Buch eher zu den Wälzern. Aber es lohnt sich. Irgendwie plätschert es so vor sich hin, bevor es einen dann auf den letzten Metern echt umwämst und den Leser – beziehungsweise mich – etwas unzufrieden zurücklässt. Aber weil es mich vorher so in den Bann gezogen hat und echt gut geschrieben ist, kann ich es nur empfehlen. Es passt perfekt zu trägen, faulen Sommertagen.

Russo erzählt in dem Roman vom Leben des erfolglosen Miles Roby in der amerikanischen Kleinstadt Empire Falls in Maine. Seit der Highschool arbeitet Miles im örtlichen Diner und wird es wohl auch bis zur Rente tun. Er hat das College abgebrochen, um seine kranke Mutter zu pflegen. Doch das ist schon Jahre her. Eigentlich hatte er Träume. Wollte Schriftsteller werden. Mittlerweile hat Miles eine Tochter, die in die letzte Klasse der Highschool geht. Das Verhältnis zu ihr könnte besser sein. Das zu seinem alkoholkranken Vater und seinem Bruder auch. Ebenso das zu seiner Ex-Frau. Trotzdem treffen alle im Diner immer wieder aufeinander.

„Gerade als Miles zu einer Antwort ansetzt, ertönt die Türglocke, und Janine trat ein, wie durch die Erwähnung ihrer Tochter herbeizitiert. Ohne auch nur einen Moment lang zu zögern, steuert sie zielstrebig durch das Gedränge des Lokals auf ihren Tisch zu. Tick schien, obwohl sie mit dem Rücken zur Tür saß, instinktiv das Erscheinen ihrer Mutter gespürt zu haben, denn sie rutscht automatisch näher zum Fenster, um ihr Platz zu machen. „Wir haben eigentlich erst in ungefähr einer Stunde mit dir gerechnet“, sagte Miles, während sich Janine zu ihrer Tochter auf die Bank setzte und ihr Sweatshirt auszog, unter dem ein nagelneues knallrosa Fitnessshirt zum Vorschein kam. „Nun, jetzt bin ich eben da“, sagte sie. „Und glotz bitte nicht meine Brüste an, Miles. Wir waren zwanzig Jahre verheiratet, und sie haben dich in alle der Zeit nicht die Bohne interessiert.“

„Diese gottverdammten Träume“, Richard Russo

Das Diner hätte Miles auch schon längst mal kaufen können, um endlich sein eigener Chef zu sein. Stattdessen muss er sich mit der Besitzerin herumschlagen. Ihr gehört so ziemlich alles in dem kleinen Städtchen. Auch die ehemalige Textilfabrik.

Es scheint alles in Empire Falls mies zu sein, seit die letzte große Textilfabrik geschlossen hat. Die Geschäfte sind den Bach runter gegangen. Etwas Neues aufzumachen lohnt nicht. Die Leute haben sowieso kein Geld. Mich hat Empire Falls ein bisschen an das Ruhrgebiet erinnert – obwohl man hier bei uns mehr kämpft, um etwas Neues auf die Beine zu stellen.

Beim Lesen hat man das Gefühl, dass Richard Russo etwa Zweidrittel des Buches einfach nur das Leben in der Kleinstadt beschreibt. Das macht er ziemlich gut.

Wie es weiter geht, möchte ich nicht verraten, denn im letzten Drittel nimmt die Geschichte eine Wendung, die man im Laufe des Buches vielleicht erahnen kann, und von der ich immer noch nicht weiß, ob ich sie gut finde.

Mich lässt das Ende wie gesagt etwas unzufrieden zurück, aber ich habe es trotzdem gern gelesen.

 

Bei diesem Tipp handelt es sich um eine Trilogie der englischen Schriftstellerin Jane Gardam. (Den dritten Teil „Letzte Freunde“ habe ich gerade verliehen, deshalb ist das Buch nicht auf dem Bild.) In England ist die Autorin schon lange berühmt, bei uns in Deutschland wurde sie erst 2016 als „die literarische Entdeckung der Saison gefeiert“. Ein bisschen spät, schließlich ist Gardam Jahrgang 1928. Aber besser spät als nie. Die drei Bücher erzählen alle die Lebensgeschichte von Edward Feathers, genannt Old Filth, einem hochangesehenen britischen Anwalt und Richter.

Gefühle haben in seinem Leben eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Schließlich wurde er mit vier Jahren aus einer glücklichen Kindheit in Malaysia herausgerissen und zu einer hartherzigen Pflegemutter nach England geschickt. So machte man es damals mit so genannten Raj-Waisen. Also Kindern, die von ihren in den Kolonien lebenden Familien alleine nach Großbritannien zurückgeschickt werden und dort getrennt von ihren Eltern in Pflegefamilien aufwuchsen. Auch seine Frau Betty und sein ständiger Rivale Terry Veneering sind Raj-Waisen.

Nachdem seine Frau Betty beim Blumenzwiebel pflanzen in ihrem beschaulichen Haus auf dem Land, in dem sie sich zur Ruhe gesetzt haben, stirbt, macht sich Old Filth auf den Weg, sich mit seinem Leben auseinanderzusetzen.

Wink mal“, sagte Auntie May, aber das tat Edward nicht. Und Alistair drehte sich nicht um, um seinen Sohn zum zweiten – und letzten – Mal den schwarzen Fluss hinunter reisen zu sehen.“

„Ein untadeliger Mann“, Jane Gardam

Ich habe den ersten Teil – „Ein untadeliger Mann“ – auch deshalb so gerne gelesen, weil er vom Leben in den britischen Kolonien erzählt – einem Thema, mit dem ich mich vorher noch nicht sonderlich viel auseinandergesetzt hatte.

Jane Gardam erzählt die Geschichte sehr behutsam und langsam, aber ausführlich. Denn das, was man im ersten Teil nicht erfährt, erzählt sie in den beiden anderen Teilen. Mich haben der zweite und dritte Band deshalb so gereizt, weil dort die gleiche Geschichte erzählt wird. Allerdings einmal aus der Sicht von Old Filths Ehefrau Betty und einmal aus der seines Rivalen. Im zweiten Teil funktioniert das ziemlich gut. Denn im ersten Band erfährt man doch recht wenig über die Beweggründe von Betty. Den dritten Teil kann man lesen, muss man aber nicht. Hier hat sich doch ziemlich viel gedoppelt. Allerdings sind die Bücher schön geschrieben und deshalb habe ich ihn auch ausgelesen.

 

Um „Meine geniale Freundin“ und „Die Geschichte eines neuen Namens“ kommt man seit einiger Zeit ja nicht mehr herum – und zu Recht, wie ich finde. (Auf dem Bild ist nur der zweite Band zu sehen, da ich den ersten meiner Mutter geliehen habe.) Denn auch wenn ich den Anfang des ersten Buches etwas komisch fand, hat es mich sofort in den Bann gezogen. Die italienische Autorin Elena Ferrante erzählt in ihrer vierbändigen neapolitanischen Saga die Lebensgeschichte der Freundinnen Elena Greco und Raffaella Cerullo, genannt Lila. Die beiden wachsen in den 1950er Jahren in einem Armenviertel Neapels auf.

Während Elena Abitur machen und studieren darf, muss Lila nach der Mittelschule die Schule abbrechen und ihre Familie unterstützen. Eine Tatsache, die mich wütend gemacht hat, denn Lila ist ziemlich intelligent und es ist unfair, dass sie aus Verbohrtheit ihres Vaters nicht weiter zur Schule gehen darf. Aber so war es nun mal in den 50er Jahren. Auch wenn beide Freundinnen unterschiedliche Lebenswege gehen, sich auch immer wieder streiten und lange Funkstille zwischen ihnen herrscht, finden sie immer wieder zueinander.

„Wir ahnten die dunklen Winkel, die unterdrückten Gefühle, die immer kurz vor dem Ausbruch standen. Und diesen schwarzen Löchern, diesen Abgründen, die sich dahinter unter den Wohnblocks unseres Viertels auftaten, schrieben wir alles zu, was uns am helllichten Tag erschreckte. Don Achille, zum Beispiel, befand sich nicht nur in seiner Wohnung im obersten Stockwerk, sondern auch darunter, er war eine Spinne unter Spinnen, eine Ratte unter Ratten, eine Gestalt, die jede Gestalt annahm. Ich stellte mir vor, dass sein Mund wegen seiner langen Hauer offen stand, dass er einen glasierten Steinkörper hatte, auf dem Giftpflanzen wuchsen, und dass er ständig darauf lauerte, alles, was wir durch die kaputten Ränder des Metallrosts fallen ließen, mit einer riesigen schwarzen Markttasche aufzufangen. Diese Tasche war Don Achilles Markenzeichen, er trug sie ständig sich, auch zu Hause, und verstaute lebende und tote Sachen darin.“

„Meine geniale Freundin“, Elena Ferrante

Elena Ferrante erzählt sehr gekonnt und detailreich vom Leben in den Nachkriegsjahren Italiens – und das aus der Sicht von zwei jungen Frauen. Dies hat mir immer wieder geholfen, die beiden Bücher nicht genervt wegzulegen, wenn Elena wieder in Selbstzweifel versinkt und Lila durch ihre unberechenbare Art Intrigen spinnt, die ihr am Ende am meisten schaden. Das nervt nämlich zwischendurch. Nichtsdestotrotz kann ich kaum die Veröffentlichung des dritten Bandes erwarten, denn Ferrante hat die sehr blöde Angewohnheit die Bücher mit krassen Cliffhangern enden zu lassen. Die Bücher sind perfekt für den Urlaub: anfangen, durchlesen, zum nächsten Teil greifen.

Das sind also meine Buchempfehlungen für den Sommer. Viel Spaß beim Lesen.

-Vicky

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