Mesdames Pottpouri

Städtereise nach Gent in Belgien
anderswo

Ick hou van u, Gent

Bis vor einigen Wochen hat mir Gent überhaupt nichts gesagt. Und vermutlich wäre es immer noch so, wenn ich nicht zufällig über ein günstiges Hotel-Angebot für Gent gestolpert wäre. Und als ich ein Foto von Gent gesehen habe, war es um mich geschehen. 

Bisher waren Städte wie Haarlem oder Maastricht meine absoluten Favoriten, aber Gent hat es definitiv auf Platz eins geschafft. Die Mischung aus alter und neuer Architektur, buntem Treiben in der Stadt und entspanntem Relaxen am Wasser, schäbbigen und schicken Ecken ist einfach perfekt. Außerdem hat keine andere belgische Stadt mehr Studenten als Gent – und das merkt man. Alles scheint herrlich entspannt zu sein. Man kann sich einfach treiben lassen. Und noch etwas ist verdammt cool: Gent ist die europäische Vegetarierhauptstadt. Hier wurde der „Veggieday“ aus der Taufe gehoben. Und da ist es auch nur logisch, dass es in Gent die meisten vegetarischen Restaurants pro Einwohner gibt. Aber keine Angst. Auch als Fleischesser kommt man voll auf seine Kosten.

Gent, www.mesdamespottpouri.de

Wir waren vier Tage in Gent und hatten ausreichend Zeit, uns alles anzugucken und trotzdem zu entspannen. Vorab noch ein Tipp: Entweder besorgt man sich ein Fahrrad oder ist gut zu Fuß, denn Autofahren ist in den engen Gässchen echt unentspannt – und auch unnötig.

Graslei/Korenlei

Gent, www.mesdamespottpouri.de

Um den ehemaligen Binnenhafen, der mitten im Zentrum liegt, kommt man einfach nicht herum. Graslei und Korenlei sind der Treffpunkt in Gent. Im Schatten prachtvoller historischer Gebäude macht man am Ufer der Leie, die sich durch die ganze Stadt schlängelt, Mittagspause, trifft sich nachmittags zum Sonne genießen und lässt abends den Tag mit einem Glas Wein ausklingen. Zwar gibt es auch zahlreiche Restaurants, aber wir hatten gar kein Bedürfnis dort etwas zu essen. Es war viel schöner auf einem der Mäuerchen zu sitzen und die Füße baumeln zu lassen.

Der Grund, warum es in Gent so viele prachtvolle Häuser gibt, liegt daran, dass die Stadt ab dem elften Jahrhundert ein Stapelrecht für Getreide hatte: Alles Getreide, das in die Grafschaft Flandern eingeführt wurde, musste den Genter Binnenhafen passieren. Praktischerweise musste jedes Schiff, dass durch den Hafen fahren wollte, ein Viertel seiner Getreideladung als Zoll an die Stadt bezahlen. So wurde Graslei und Korenlei zusammen mit dem Korenmarkt zum Zentrum des flämischen Kornhandels – und das sieht man bis heute noch. Das kleinste Gebäude an der Graslei ist übrigens das ehemalige Zollhaus und es ist wirklich winzig.

Historisches Zentrum

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Das ganze historische Zentrum zeugt vom frühen Reichtum der Stadt. Von der St.-Michael-Brücke, die direkt an Gralsei und Korenlei liegt, kann man alle drei Türme, die das Stadtbild prägen, gleichzeitig sehen: die St.-Nikoluas-Kirche, den Belfried und die St.-Bavo-Kathedrale. Von dort kann man in die vielen kleinen Gassen eintauchen, die für jedes Shopping-Herz das richtige anzubieten haben. In einigen Sträßchen reihen sich Luxus-Geschäfte aneinander. In anderen findet man H&M, Zara &Co und in wieder anderen haben sich kleine, individuelle Lädchen angesiedelt. Wir waren immer wieder vom Kontrast renovierter Gebäude, die direkt neben Verfallenen standen, fasziniert. Spannend zu sehen ist auch, dass die Häuser nicht einfach stumpf restauriert wurden, sondern viele mit modernen Elementen versehen wurden, die die alten Gemäuer perfekt ergänzen.

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Und auch viele der Neubauten fügen sich nahtlos in das Stadtbild ein. Die Stadthalle ist da ein sehr gutes Beispiel: Die Stadthalle wurde 2012 gebaut und ist ein großer, zu den Seiten offener, aber überdachter Raum, der im Schatten von Belfried, Rathaus und St.-Nikolaus-Kirche steht. Auffällig ist die Dachstruktur aus Holz, in die 1600 kleine Fenster eingesetzt wurden. Als wir zum ersten Mal dort waren, war ich enttäuscht. Ich hatte es mir irgendwie spektakulärer vorgestellt, aber dann waren wir noch ein paar Mal einmal da. Dort steht nämlich ein öffentliches Klavier und je länger ich in der Halle stand und den Klavierspielern zugehört habe, desto besser hat es mir gefallen.

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Der Besuch der Großen Fleischerhalle war allerdings wirklich eine Enttäuschung. In einem Glaskasten, der in die Halle gebaut wurde, befindet sich scheinbar ein Restuarant. Über einen Steg kann man an dem Kasten vorbei gehen und sich die Besucher wie im Zoo angucken. Das war etwas bizarr. Auch waren wir von der überall angepriesenen Werregarenstraatje enttäuscht. Vielleicht haben wir aber auch zu viel erwartet.

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Bei der Werregarenstraatje handelt es sich um eine „Graffitigasse“. Dort wird das Sprayen geduldet. Im Reiseführer wurde die Gasse als „dynamisches Skizzenbuch“ angepriesen, in der man „brandaktuelle Street Art bewundern“ kann. Also bunt war es dort auf jeden Fall. Und das Gefühl erschlagen zu werden, hatten wir auch. Sicher gab es da ein oder andere coole Bild, aber brandaktuelle Street Art haben wir nicht gesehen. Versteht mich nicht falsch. In Gent gibt es richtig gute Graffities, aber eben nicht dort.

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Büchermarkt und Flohmarkt

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Da die Belgier ja absolute Flohmarktprofis zu sein scheinen, mussten wir natürlich auch einen besuchen. Wir haben uns für den „Prondelmarkt St. Jakobs“ entschieden. Der Markt findet immer freitags bis sonntags von 7 Uhr bis 14 Uhr statt. Auf dem Weg zur St.-Jakobs-Kirche sind wir noch an einem Büchermarkt vorbeigekommen. Auch wenn wir keine deutsch- und nur wenige englischsprachigen Bücher gesehen haben, hat es Spaß gemacht, an den Ständen mit Blick auf die Leie zu stöbern.

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Der Prondelmarkt St. Jakobs ist recht klein und man merkt, dass er eigentlich nur von Touristen besucht wird, denn die Händler feilschen nicht. Trotzdem hat sich der Besuch gelohnt.

St.-Bavo-Kathedrale

Auch wenn man kein Kirchgänger ist, sollte man die St.-Bavo-Kathedrale unbedingt besuchen. Die Kathedrale stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist überaus beeindruckend. Es gibt zum Beispiel einen barocken Hochaltar aus geflammten Marmor, vor dem man einfach nur staunend stehen kann, wenn man bedenkt, wie alt der Altar ist. Noch beeindruckter war ich von der Rokoko-Kanzel, die aus Marmor und Eiche gefertigt worden ist. Auch befindet sich in der Kathedrale der weltberühmte Genter Altar, der als ein Höhepunkt der Malerei gilt. Das Polyptycon, das aus insgesamt 20 Tafeln besteht, zeigt biblische Szenen. Gemalt wurde es von den Gebrüdern – Jan und vermutlich auch Hubert – van Eyck und 1432 oder 1435 in der Kathedrale, der ehemaligen St.-Jan-Kirche, enthüllt. Nun muss ich allerdings zu meiner Schande gestehen, dass ich entweder vor dem Ding stand und es nicht realisiert habe oder ich habe es einfach nicht gesehen. Aber auch so war der Besuch der Kathedrale sehr beeindruckend.

Grafenburg

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Da wir nicht auf jeden Turm in Gent geklettert sind, hatten wir von der Grafenburg aus den schönsten Blick auf Gent. Man kann in einem Rundgang die ganze Burg besichtigen und kommt dabei auch automatisch auf den Turm. Etwas schade war, dass viele Hinweise nur auf Niederländisch waren. Aber wir sind trotzdem auf unsere Kosten gekommen. Zumal man an der Kasse auch eine kleine Übersicht auf Deutsch und Englisch bekommt. Die Grafenburg hat eine bewegte Geschichte. Schon zur Zeit der römischen Besatzung befand sich dort eine erste Siedlung. Plündernde Wikinger zerstörten die Siedlung, doch die Grafen von Flandern bauten im Mittelalter die früheren Holzbauten zu einem Wohn- und Wehrturm um, der komplett mit einer steinernen Mauer mit 24 Türmen umgeben war. So bildete die Burg ein Gegengewicht zu den hohen Steinhäusern der reichen Patrizier am gegenüberliegenden Leieufer. Und das war wohl auch notwendig, denn eigentlich hatten die Genter Kaufleute das Sagen. Gent galt als Stadt der Querköpfe und irgendwie merkt man das immer noch. Und da überrascht es auch nicht, dass die Grafenburg Ende des 18. Jahrhunderts an einen Privatmann verkauft und schließlich zu einem Industriekomplex umgebaut wurde. Nachdem die Firma pleite gegangen war, war die Burg reif für den Abriss. Allerdings gelangte sie während der Vorbereitungen zur Weltausstellung 1913 wieder in öffentliche Hand und wurde in mehreren Etappen restauriert. Von der Zeit, in der sie als Baumwollspinnerei genutzt wurde, merkt man nichts mehr. Mich erinnert sie irgendwie an eine übergroße Playmobilburg.

Patershol

Das Stadtviertel zu Füßen der Grafenburg ist auf jeden Fall auch einen Besuch wert. Uns hat es einfach gefallen, durch die engen Gassen zu schlendern. Praktischerweise ist das Viertel komplett autofrei. Gerade abends wehen überall Düfte aus Küchen verschiedenster Länder durch die Gassen. Und damit komm ich auch zu meinen Restauranttipps:

Le Botaniste

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Nachdem wir am ersten Tag hungrig durch Gent gestrichen sind, weil wir uns nicht so recht entscheiden konnten, wo wir etwas essen wollen, haben wir uns zum Glück für das „Le Botaniste“ entschieden. In dem vegetarischen Restaurant kann man zwischen verschiedenen asiatischen Suppen, – ich nenne es mal – Eintöpfen, Salat und vegetarischem Sushi wählen. Ich habe mich für eine gemischte Schüssel Salat entschieden. Zu meiner Überraschung gab es statt Dressing Humus und eine Paste aus roter Beete. Da ich nicht gerne Dressing esse, hat das super gepasst. Die Möhren waren beispielsweise in Kräuter und Öl eingelegt, sodass der Salat nicht „trocken“ geschmeckt hat. Auch hat mir die Atmosphäre sehr gut gefallen. Alles war herrlich entspannt und der kleine Innenhof war sehr nett eingerichtet. Wichtig zu wissen ist allerdings, dass man dort nur mit (Kredit-)Karte zahlen kann.

Open Garden

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Dieses Café ist wirklich der Knaller. Durch Zufall haben wir durch ein offenes Tor geguckt und am Ende einer kleinen Passage einen Garten erahnen können, der so schön aussah, dass wir neugierig gucken gegangen sind. Zu unserer Überraschung versteckte sich dort eine kleine Oase mit Café. Einfach herrlich. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Nam Jai Thai Fusion Restaurant

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Mein nächster Tipp liegt mitten im Patershol. Das Restaurant „Nam Jai Thai“ befindet sich in einem winzigen, windschiefen Fachwerkhäuschen. Es finden gerade sieben Tischchen Platz. Ich habe noch nie in meinem Leben so gut Thailändisch gegessen. Das Essen war weder so scharf, dass man nichts anderes mehr geschmeckt hat, noch wurde es in irgendwelchen dickflüssigen Soßen ertränkt. Meine Erdnusssoße war einfach ein Gedicht und das Personal sehr freundlich. Kleiner Tipp: Guckt euch unbedingt dort die Toilette an.

Harira & Co

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Nur ein paar Schritte weiter, kann man im „Harira & Co“ Marokkanisch essen. Da ich noch nie Marokkanisch gegessen habe, habe ich leider keine Vergleichswerte, aber ich kann sagen, dass sich ein Besuch dort lohnt. Wie es sich gehört, habe ich ein vegetarisches Gericht aus der Tajine bestellt. Das Gemüse war ganz zart und super aromatisch. Eingerichtet ist das Harira & Co modern, aber das hat mich nicht gestört.

Balls & Glory

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Im „Balls & Glory“ gibt es Fleischbällchen, aber natürlich auch vegetarische Bällchen. Allerdings frage ich mich, ob „Bällchen“ der richtige Ausdruck ist. Im rohen Zustand sehen die Fleischbälle wie übergroße, bunte Pralinen aus. Man kann aus vier verschiedenen Geschmacksrichtungen, die regelmäßig wechseln, wählen. Als Beilage gab es selbstgemachtes Kartoffelpüree mit Erbsen und Möhren. Die (Fleisch-)Bälle sind beispielsweise mit Trüffel und Zimt gefüllt. Es ist schwer zu beschreiben, aber sehr lecker. Auch die ausgemachte Limonade ist zu empfehlen. Wasser und Obst stehen auf jedem Tisch und sind kostenlos.

Osteria Delicati

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Bei diesem Italiener gibt es keine Pizza, aber Pasta zum Dahinschmelzen. Wir haben im kleinen Innenhof gesessen und den Abend mit Wein und – wie sollte es anders sein – Pasta ausklingen lassen. Auch wenn die vier Tisch, die im Innenhof der „Osteria Delicati“ standen, nah nebeneinander standen, hatte wir trotzdem nicht das Gefühl, dass es eng gewesen ist. Die Kellner waren sehr aufmerksam, aber nicht aufdringlich und haben so dafür gesorgt, dass wir den Tag mit einem wohligen Gefühl beendet haben.

Was soll ich noch groß sagen? Fahrt nach Gent und lasst euch vom Charme der Stadt verzaubern.

– Vicky

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